Ich habe Carsten, Mindstorms-erprobter IT-Fachmann, gebeten, LEGO Boost 17101 für diese Seite zu testen. Carsten hat sich dankenswerterweise viel Zeit genommen, um sich mit Vernie zu beschäftigen. Im Folgenden sein Review, mit vielen Pro-Argumenten aber auch einigen Kritikpunkten. Viel Spaß beim Lesen! Andres

Was bei Boost überzeugt

Die Zusammenführung von Zusammenbauen und Programmieren mit Hilfe der App ist sehr gut gelungen. Direkt nach einem entsprechenden Bauabschnitt kann der Baumeister mit Zuhilfenahme von Tipps die neuen Möglichkeiten programmieren und ausprobieren. Das ist, um es gleich vorweg zu nehmen, die eigentliche Stärke von LEGO Boost. Denn bereits der Zusammenbau führt zu einem sehr schönen „Erweckungserlebnis“: Wenn der erste große Bauabschnitt fertig ist, und man nach der ersten Programmierung auch das erste Mal Vernie Leben einhaucht, er seinen Kopf ausprobiert und schließlich feststellt, dass sein Fahrgestell noch fehlt, ist das eine große Freude.

LEGO Boost 17101: Bedienbar mit der App | © LEGO Group

Zudem fallen einem gleich die Funktionen ins Auge: Teilweise geniale Mechanik – insbesondere der Kopf, der mit einem Motor Kopf, Augenbrauen und die Schussvorrichtung abdeckt. Auch die Ketten sind gelungen. Löblich sind die abwechslungsreichen Bautechniken, bei denen viel mit Bricks umgesetzt wird. Bei Technik-Modellen kommen üblicherweise noppenlose Beams zum Zuge. Durch die Verwendung von Bricks lässt sich Boost jedoch leichter mit anderem LEGO kombinieren.

Alles im Blick! | © Carsten Griesel

Wenn die Anforderungen erfüllt werden (das bitte vor dem Kauf überprüfen, ob das Tablet und Betriebssystem auf einem aktuellen Stand sind), funktionieren App und MoveHub sofort anstandslos miteinander. Ich habe für den Test auf Apples iPad Air 2 verwendet.

Die Motoren als solches sind laut Aussage von LEGO zugleich auch Sensoren, was nicht nur weitere Interaktionsoptionen zulässt, sondern die Motoren ebenfalls in die Lage versetzen sollte, sich durch sensorisches Feedback in exakt abgestimmte Positionen zu drehen. Positiv fällt zudem auf, dass App und MoveHub sich auch sehr gut zum „einfachen“ Fernsteuern des Gefährts benutzen lassen, was vermutlich damit sogar besser geht, als mit den normalen Power Functions.

Alleine beim Hauptmodell, sprich Vernie, gibt es viel Zubehör: Sonnenbrille, Schnurrbart, Polizeilicht, (rasselnde) Rassel, Hockeyschläger, drei Pylonen, zwei Miniroboter als Hindernis, Fliege und Zielscheibe. Hier darf an die Zielgruppe gedacht werden – für 6 bis 10-Jährige wird viel geboten.

Negative Aspekte von Boost

Kommen wir zu den Dingen, die mich nicht überzeugt haben. Batterien gehören nicht zum Umfang, müssen gekauft werden und halten auch nicht gerade ewig. Wer Boost regelmäßig nutzt, sollte auf Akkus vertrauen. Zudem werden nur eine überschaubare Anzahl von Tablets unterstützt und die Firmware darf auf gar keinen Fall veraltet sein. Smartphones können nicht verwendet werden – was ebenfalls schade ist, hier hätte die App durchaus angepasst werden können.

Zudem fällt das Fehlen eines vierten Motors beziehungsweise Aktors massiv auf: Dass Vernie seine Arme nicht bewegen kann, entgeht gewiss auch nicht kleinen Baumeistern. Ein weiterer Sensor wäre zudem schön gewesen. Was mich außerdem stört: Es gibt außer den Beispielen keinerlei Erklärung oder Dokumentationen von den Programmierbausteinen: Nichts ist beschriftet und nirgends kann man sich lesend über etwas Klarheit verschaffen. Für Kinder ist dies anfänglich sicher nicht so schlimm, aber man wünscht sich doch schnell eine Möglichkeit, die sensorischen Daten des MoveHubs auslesen zu können, insbesondere um einfach mal zu sehen, was der Knabe alles so kann.

Des Weiteren ist Boost in jeder Hinsicht inkompatibel zu Mindstorms und den Power Functions, sowohl Hardware- als auch Softwareseitig. Das scheint mir neben dem fehlenden Aktor das größte Manko zu sein. Die Inkompatibilität gilt übrigens auch für das Educations-Programm WeDo 2.0, obwohl sich das System hier im Grunde sehr ähnelt.

Für Neugierige ebenfalls ein Manko: Eine ganze Reihe der Programmiermöglichkeiten lässt die LEGO Hardware außen vor, zum Beispiel alle Geräusche, die allesamt aus dem Tablet kommen. Somit wirkt die Boost App dann manchmal wie ein „Soundboard“. Und hier spreche ich womöglich als AFOL und vielleicht finden Kinder daran Gefallen, aber Pups-Geräusche wirken wahrlich infantil, zumal für einen Roboter.

Vernie nimmt ein Sonnenbad. | © Carsten Griesel

Die Präzision der Motoren und entsprechend der Fahrbefehle ist aufgrund des internen Feedbacks schon sehr gut – etwa verglichen mit dem allerersten Mindstorms. Manchmal aber doch nicht so exakt, wie man sich das wünschen würde. So führt zwar ein 90 Grad links-dreh-Befehl gefolgt von einem 90 Grad rechts-dreh-Befehl fast genau zur ursprünglichen Position, aber bei einer kompletten Drehung muss man tatsächlich etwa 370 Grad einstellen, damit Vernie sich ganz dreht. Ein bisschen schade ist auch, dass Vernie eine Stütze benötigt – allerdings hatte selbst Nr. 5 ein Stützrad.

LEGO Boost 17101 | © LEGO Group

Was sich insbesondere zeigen muss, ist, wie groß die Langzeitmotivation bei Kindern zur Programmierung ist, nachdem die Anleitungen alle befolgt wurden. Immerhin gibt es fünf verschiedene Modelle: Wer etwa Vernie baut, der hat noch viele der 847 Teile in der Hinterhand. Um ein weiters Modell zu bauen, muss Vernie freilich wieder zerlegt werden. Mich persönlich hat von Beginn an aber der Roboter am ehesten angesprochen.

LEGO Boost Programmierbares Roboticset 17101 | © LEGO Group

Mir ist derzeit noch nicht ganz klar, ob die App Kinder nach Befolgen der Anleitung zu eigenen Schöpfungen animiert oder ein junger Erdenbürger den Eindruck bekommt, doch schnell an die Grenzen der Programmierumgebung – und des fehlenden Aktors – gekommen zu sein.

Mein Fazit

Unter dem Strich bleibt ein System, das sich ganz gewiss an die jüngere Zielgruppe richtet, aber auch AFOLs mit Technic-Affinität dürften ihre Freude haben. Der Funktionsumfang ist löblich und der Preis von 159,99 Euro UVP (aktuell im LEGO Online Shop) scheint mir fair. Vernie und ich haben uns jedenfalls schnell angefreundet.

Vielen Dank an die LEGO GmbH, die uns dieses Set für unser Review zur Verfügung gestellt hat. Der Artikel gibt jedoch ausschließlich meine persönliche Meinung wieder.