Wie entsteht ein LEGO-Stein? Das Herz des Prozesses: Spritzgießen [Teil 1 – Update]

Molding Machines in der Nyíregyháza Fabrik | © LEGO Group

Wie verläuft der Herstellungsprozess eines LEGO-Steins? Alles beginnt mit dem Spritzgießen: Hintergründe und Herstellung im Detail.

Update 08. Dezember: Ob der vielen, vielen LEGO Set-Vorstellungen wurde dieser Artikel sehr schnell nach unten durchgereicht. Daher ziehen wir ihn noch mal nach oben: Bei Fragen, nutzt gerne den Kommentarbereich!


Artikel vom 30. November: Bevor wir uns ansehen, wie ein LEGO-Stein entsteht, möchte ich kurz erläutern, warum ich mich mit diesem Thema intensiver beschäftige.

Ich arbeite selbst als Ingenieur, plane Fabriken, nehme sie in Betrieb. Zuletzt mit einem starken Schwerpunkt im Spritzguss. Prozesse, die vielen abstrakt erscheinen – Temperaturfenster, Werkzeugverschleiß, Kavitäten, Zykluszeiten, Geometriemessung mit Computertomographie – gehören für mich zum Alltag.

Einleitung: Warum ich als Ingenieur genauer hinschaue

Vor einigen Wochen hatte ich, mehr oder weniger zufällig, in Rumänien ein Gespräch mit einem Geschäftspartner, der in jener Phase dabei war, als LEGO in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Teile der Fertigung outgesourct hat. Er gab mir Einblicke in Werkzeugkonzepte, Prozessdisziplin und Qualitätsvorgaben jener externen Produktion. Das waren keine Bewertungen, keine geheimen Details, aber sie haben meine eigenen Recherchen über die Fertigungstiefe und Prozessstabilität von LEGO an vielen Stellen untermauert.
Zuletzt war er Werkleiter für die verlängerte Billund-Werkbank in Sárvár, Ungarn. Dort liefen laut Legos eigenen Angaben 76 Spritzgiessmachinen mit 467 Formen für Lego. Das Verhältnis dieser beiden Zahlen merken wir uns mal..

The Flextronics facilities in Sárvár, 2006, Legos ehemaliger Partner

The Flextronics facilities in Sárvár, 2006, Legos ehemaliger Partner | © LEGO Group

Parallel dazu werden in unsere Community drei Dinge (vier mit den Stickern) immer heißer diskutiert:

» spürbare Farbabweichungen zwischen Chargen
» ein gefühlt immer höherer Price per Part
» sehr bunte Innenstrukturen in Sets, deren Außenhaut eigentlich völlig anders erscheint

Diese Punkte sind kontrovers – allerdings lassen sich viele davon technisch erklären, wenn man die Fertigung im Detail betrachtet. Genau das möchte ich in dieser Artikelserie tun: Schritt für Schritt, fundiert und neutral, aus der Perspektive eines Ingenieurs.

Wie entstehen diese Farbabweichungen und warum häufen sie sich? Was kostet ein 1×4 Brick eigentlich in der Herstellung? Warum bauen wir unsere technic Sets mittlerweile fast nur noch mit Liftarmen und warum hat ein azure-gelb-rotes Innenleben im Star Destroyer nichts mit Darth Vaders merkwürdigem Geschmack für Inneneinrichtung zu tun?

All diese Fragen versuche ich in dieser kleinen Artikelreihe für Euch zu beantworten.

Den Auftakt macht das Herzstück der gesamten Produktion: der Spritzgießprozess, in dem jeder LEGO-Stein tatsächlich geboren wird.

Molding machines in der Fabrik in Jiaxing | © LEGO Group

Das Herz des Prozesses: Spritzgießen

Zwei Materialien – zwei Welten: ABS und PC
Für LEGO-Steine kommen hauptsächlich zwei Kunststoffe zum Einsatz:

1. ABS – Acrylnitril-Butadien-Styrol

Das Material für nahezu alle opaken Steine: rot, blau, gelb, schwarz, weiß und mittlerweile über 40 weitere. ABS ist zäh, hart, schlagfest und erlaubt extrem enge Toleranzen. Es schrumpft relativ moderat und gleichmäßig, was wichtig für Maßhaltigkeit ist. Es ist LEGOs „Arbeitstier“.

2. PC – Polycarbonat

Genutzt für transparente Teile: Fenster, Cockpit-Kuppeln, klare Rundsteine.
PC ist glasklar, sehr belastbar, aber schwieriger zu verarbeiten. Auch da gibt es mittlerweile 29 Farbvarianten.

» höhere Schmelztemperaturen
» längere Kühlzeiten
» höhere Spannungsrissanfälligkeit
» transparent → jeder Fehler ist sichtbar

Daher sind PC-Teile oft deutlich teurer und technisch anspruchsvoller.

Diese beiden Materialien bestimmen später, wie Werkzeuge konstruiert, temperiert und gefahren werden.
Natürlich handelt es sich bei den eingesetzten Rohstoffen nicht um reines ABS oder PC. Es ist vielmehr ein Blend aus dem eigentlichen Polymer und verschiedener Zuschlagsstoffe, um die Eigenschaften weiter zu verbessern, UV-Stabilität oder Brennbarkeit zum Beispiel. Zudem, wird, bevor das Granulat in die Maschine gefördert wird, das sogenannte „Masterbatch“ zudosiert, vereinfacht gesagt: Die Farbe wird zugemischt.

Eine Farbdosiereinheit in der Billund Fabrik | © Christian Baier / zusammengebaut.com

Wie ein LEGO-Stein Form annimmt

Die Arburg Spritzgießmaschine, wie sie auch bei LEGO in Jiaxing zum Einsatz kommt. | © Arburg.com

1. Plastifizierung – ABS oder PC wird zur Schmelze

Zunächst wird das Granulat, also der rohe Kunststoff über Vakuum angesaugt, im Zylinder der Maschine durch die rotierende Schnecke erwärmt, verdichtet und homogenisiert.

Typische Temperaturen:

» ABS: ~230 °C
» PC: ~280 bis 300 °C

Die Schnecke mischt die Schmelze so lange, bis keine Farbschlieren, keine „kalten Inseln“ und keine Schwankungen mehr vorhanden sind. Für LEGO bedeutet das:
Die Schmelze muss absolut homogen sein — denn selbst kleine Inhomogenitäten zeigen sich später als Glanzunterschiede, Schlieren oder matte Bereiche.

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2. Einspritzen – der kritischste Moment

Mit hoher Geschwindigkeit wird die Schmelze in das Werkzeug injiziert. Hier entscheidet sich viel:

» Füllgeschwindigkeit: schnell genug, um Bindenaht und matte Stellen zu vermeiden
» Druck: hoch genug, um feine Bereiche und Noppen sauber zu formen
» Temperatur: stabil im Zehntelgradbereich

Bei ABS ist etwas mehr Fehlertoleranz vorhanden, bei PC hingegen führt schon ein minimal falsches Temperaturprofil zu Schlieren oder Stressmarken, die sofort auffallen.
LEGO fährt extrem enge Prozessfenster, deutlich enger als viele klassische Kunststofffertiger — deshalb ist LEGO-ABS weltweit ein Maßstab, wie fordernd das war, davon konnte mir der Kollege in Rumänien ein Liedchen singen.

Ein Plate-Werkzeug | © Andres Lehmann

Science Fact: So ein Einspritzdruck liegt bei über 1000 bar. Projiziert man das über die Fläche aller Teile einer Form, muss die Maschine kräftig die Form zuhalten. Im Fall der von Lego typischerweise eingesetzten Maschinen passiert das mit rund 150 Tonnen. Verdoppelnt sich die Anzahl der Teile pro Form, muss man auch doppelt soviel zuhalten und die Maschine wird noch größer.

3. Nachdruck – der unsichtbare Schlüssel zur Maßhaltigkeit

Ist das Werkzeug gefüllt, beginnt die Nachdruckphase. Die Maschine drückt weiter Material nach, um die Schwindung auszugleichen (Kunststoff zieht sich beim Abkühlen zusammen).

» Zu wenig Nachdruck → der Stein ist zu klein, die Klemmkraft stimmt nicht
» Zu viel Nachdruck → Gratbildung oder Innenspannungen

Gerade bei Noppen und Röhren im Inneren ist das entscheidend. Die ikonische Klemmkraft (40–60 N) entsteht nämlich exakt hier.

4. Kühlphase – der größte Anteil der Zykluszeit

Nachdruck ist vorbei – die Teile müssen abkühlen und das dauert länger als alles andere.
In Summe liegen wir bei einer Zykluszeit von 10–12 Sekunden für ABS, deutlich länger für PC.

Alle 24 Kavitäten müssen möglichst gleichzeitig kalt genug sein, um sauber ausgeworfen zu werden. Unterschiedliche Temperaturzonen würden zu Maßabweichungen, Glanzstörungen oder Spannungen führen.

LEGO nutzt dafür:

» extrem eng abgestimmte Kühlkanäle
» polierte Stahloberflächen
» definierte Wandstärken
» manchmal sogar getrennte Temperiersysteme für einzelne Werkzeugbereiche

5. Auswerfen – 24 perfekte Klone gleichzeitig

Sobald die Zieltemperatur erreicht ist, stoßen Auswerferstifte die Steine aus ihren Kavitäten. Was simpel klingt, ist tatsächlich hochkritisch:

» Auswerfer dürfen keine Abdrücke hinterlassen
» keine Spalten erzeugen
» keine Stressmarken verursachen
» kein Stein darf „kleben“ bleiben

LEGO-Werkzeuge sind deshalb berühmt dafür, dass man die Auswerfermarken kaum sieht — idealerweise gar nicht.

24 fast identische Steine fallen in den Sammelkanal, und das Werkzeug schließt wieder. Die Maschine fährt rund um die Uhr — teils Millionen Zyklen pro Werkzeug, bevor es generalüberholt wird.

Material beeinflusst Werkzeug, und Werkzeug beeinflusst Kosten. ABS erlaubt kurze Zyklen und enge Toleranzen. PC dagegen:

» braucht höhere Temperaturen
» erfordert polierte, oft beschichtete Werkzeugoberflächen
» muss langsamer abkühlen
» ist empfindlicher gegenüber Spannungen und Kratzern

Das ist der Grund, warum transparente Teile:

» teurer,
» seltener,
» und oft schwieriger perfekt zu produzieren sind.

Ein transparenter 1×2-Brick ist produktionstechnisch anspruchsvoller und sein Zyklus dauert länger als ein opaker 2×4-Stein — egal, was der Price-Per-Part sagt.

Warum die Zykluszeit bei LEGO so entscheidend ist:

Bei 10 bis 12 Sekunden pro Zyklus ergibt sich:

» knapp 6 Zyklen pro Minute
» rund 360 Zyklen pro Stunde
» über 8.000 Zyklen pro Tag
» also fast 200.000 Steine pro Tag bei 24 Kavitäten

… und das nur auf einer einigen von hunderten Maschinen!

Und deshalb sind manche Steine — auch wenn sie winzig sind — tatsächlich teurer in der Herstellung, weil ihr Material, ihre Form, ihre Kühlphase oder ihr Nachdruckprofil anspruchsvoller sind.

Ob da die aktuell aufgerufenen 10 bis 15 Cent pro Teil angemessen sind, werden wir im dritten Teil beleuchten. Im zweiten geht es um die Frage: Warum ist der Technic-Brick fast verschwunden und warum ist Darth Vaders Schlafzimmer lime und pink?

Eure Meinung!

Habt ihr von so manch Hintergrund gewusst? Oder ist all dies für euch Neuland? Was sagt ihr zu den Prozessen? Äußert euch gerne in den Kommentaren.

Dominique Clemen

LEGO Classic Space Fan, der gerne klassisches LEGO mit neuen Bausätzen kombiniert.

17 Kommentare Kommentar hinzufügen

  1. Vielen Dank für den sehr lesenswerten Bericht! Die Technik hinter LEGOs Produktionsprozessen interessiert mich immer, und ich finde es interessant, solchen Maschinen bisweilen bei der Arbeit zuschauen zu können. Vielleicht hilft deine Artikelreihe irgendwann auch mal, jemanden zu überzeugen, dass LEGOs Qualitätsansprüche eben doch höher sind als sein religiöser Führer ihm eingetrichtert hat.
    Als kleine Ergänzung: Seit 2024 nutzt LEGO MABS statt PC für transparente Teile, dadurch konnte die Formenvielfalt massiv gesteigert werden (da offenbar die Formen von ABS verwendet werden können). PC kommt aber noch immer für Scharniere zum Einsatz, siehe https://www.lego.com/de-de/sustainability/product-safety/materials

    • Herzlichen Dank für den sehr lesenswerten Artikel, Göbel! Ich bin auf die weiteren Teile gespannt! 🙂

      Vor einigen Jahren erfolgte bei den transparenten Elementen ja schon mal eine Umstellung. Seit dem sind die Steine milchiger. Hat sich dies seit letztem Jahr wieder geändert und gebessert?

    • Kurze Info
      Kann entsprechende Produktions- Lösungen als vollautomatische Linienproduktion bei ernsthaften Interesse entwickeln, planen und anbieten.

      Beste Grüße

      R. Hoomann

  2. Das ist ein sehr interessanter Artikel. Ich freue mich auf den nächsten!! Danke

  3. Vielen Dank für den Einblick in die Produktion eines LEGO Steins. Das ist wirklich sehr interessant. Das klingt schon sehr komplex. Es ist nicht einfach mal eine Form, wie im Sandkasten zu gießen.
    Falls du die Möglichkeit hast, wäre es natürlich interessant, ob andere Brick Hersteller genauso produzieren oder ob es da Unterschiede gibt.

    • Das würde mich auch interessieren.

    • Da habe ich leider nur Youtube Material, Johnny hatte ja China Reisen und ein großgewachsener Influencer aus Frankfurt war mal bei Cobi. Kurz gesagt: Ja. Statt Maschinen von Arburg oder Wittmann/Battenfeld kommen da Haitian oder Zhafir zum Einsatz. Dei Entsorgung der Teile mit führerlosem Transportsystem scheint in China auch noch nicht nötig und man sieht dort teilweise die Verwendung von Granulat ohne Nachtrocknen direkt aus dem Sack.

      Lego hatim übrigen schon früh auf sogenenannten Vollheißkanal gesetzt (zumindest bei vielen Teilen). Bei Xinbao sehe ich z.B. noch viele Teile mit Kaltkanalanguss. Den Unterschied muss ich dann wohl auch im nächsten Artikel erklären…

  4. Vielen Dank für diesen sehr interessanten Artikel. Ich freue mich tatsächlich schon auf die nächsten beiden Teile. Allen noch einen schönen Sonntag.

  5. Spannender Artikel. Bin neugierig auf die Weiteren.

  6. Hej, danke für das positive Feedback und die interessanten Ergänzungen. Vielleicht kann mal jemand die milchigen Lichtschwerter unter ein Mikroskop legen. Es könnte zum einen an der Oberflächenstruktur liegen, also eine etwas „gröbere“ Erodierstruktur in der Gussform, vielleicht wegen Entsorgungsproblemen.

    Zum anderen könnte der neue Kunstoff nicht mehr ganz so transparent sein. Oder, er ist noch hygroskopischer (wasseranziehender) als Polycarbonat und die Parameter im Trockner stimmen einfach nicht mehr, das führt dann zu milchigen schlieren.

    Danke auch für den Hinweis, das Lego anscheinend weitestgehend von PC weg geht. Polycarbonat ist neben dem Geschrieben auch ansonsten ziemlich eklig, setzt sich gerne an der Schnecke fest und ist noch länger kratzempfindlich als Polymere, die mit niedrigeren Temperaturen gespritzt werden.

  7. Zum Thema Kühlung, Druck und Auswerfen ist noch anzumerken, dass die Mächtigkeit/ Dicke und Lage des Werkstücks in der Form eine erhebliche Rolle spielt, also ob es beispielsweise schräg liegt und beim Öffnen fast von allein rauspurzelt oder wie in einer Teig-Model flach liegt und gerade ausgestoßen werden muss. Bei mehrteiligen Formen ist auch die Reihenfolge, wie sich die einzelnen Segmente öffnen und schließen, relevant.

  8. Sicher, dass die transparenten Teile noch aus PC sind? PC enthält ja BPA. Denke eher dass hier eine Alternative verwendet wird.
    Ansonsten ziemlich gut meinen Job erklärt😉

  9. Vielen Dank für den wirklich sehr interessanten Artikel! Freue mich schon auf die Fortsetzung 🙂

    Vielleicht habe ich es auch überlesen oder nicht richtig verstanden: wie erklären sich die inzwischen auch oft kritisierten Angusspunkte an den Steinen?

  10. Danke für den tollen Artikel, ich freue mich schon sehr auf die Fortsetzung!

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