Auf der Spielwarenmesse konnte ich die LEGO Technic Sommer-Neuheiten in Augenschein nehmen, nun ist der LEGO Technic Allrad-Abschleppwagen 42070 erschienen. Technic-Experte André hat sich des Fahrzeuges angenommen und arbeitet im Zusammengebaut Review die Stärken und Schwächen heraus: Viel Spaß! Andres

2017, Jahr des 40-jährigen LEGO Technic Bestehens. Mein erstes Modell war vor über 30 Jahren der Gabelstapler 8843, welches mich mit seiner Pneumatik und Hinterachslenkung absolut begeisterte. Meine Leidenschaft für Technic war geweckt – zumindest für die Folgejahre, bis LEGO dann insgesamt erstmal zurückgestellt wurde. Nach dem „Wiedereinstieg“ landeten relativ schnell auch die großen Technic Modelle wieder bei mir. Die Begeisterung über die Umsetzung der zahlreichen Funktionen mittels Zahnräder, Getriebe, Kupplungen und so weiter ist nach wie vor ungebrochen und fasziniert mich immer wieder aufs Neue.

40 Jahre LEGO Technic: Bedruckter Stein | © LEGO Group

Zurück zum Thema: 40-jähriges Jubiläum. Leider blieb der große Technik-Kracher dieses Jahr aus. War doch die Hoffnung da, dass dies Anlass genug für ein Modell sein würde, welches den Schaufelradbagger 42055 in den Schatten stellen könnte. Neue Modelle gibt es trotzdem – samt bedrucktem Stein zum Jubiläum und im Folgenden geht es um den Allrad-Abschleppwagen 42070, mit 1.862 Teilen für 249,99 Euro UVP. Altersempfehlung: 11 bis 16 Jahre. Aber wie hieß es doch im LEGO Movie: „…die müssen sowas da drauf drucken… letztendlich ist es kein Spielzeug, sondern ein höchst raffiniertes, durchdachtes Baukasten-System…“ Was umso mehr auf LEGO Technic zutrifft!

Bezüglich der Teileanzahl also bei Weitem nicht das größte Set, preislich allerdings ganz oben angesiedelt. Hier sogar Spitzenreiter – wenn man den Porsche 911 GT3 RS 42056 mal als Lizenz-Modell außen vor lässt. Und somit ein weiterer Grund, sich den Abschleppwagen mal etwas genauer anzuschauen.

Zusammenbau und Umfang

Ins Auge fallen sofort die riesigen Reifen (107 x 44R), wie sie schon beim Claas Xerion 5000 Trac VC 42055 zum Einsatz kommen. Nur hier eben in 6-facher Ausführung. Daneben die gewohnt detailliert die 400 (!)-seitige Anleitung, sowie die einzeln verpackten Power Functions Module: Neben Batterie-Box zwei Motoren (XL und Medium), ein Receiver und der Controller. Alle weiteren Teile in den üblichen Tütchen mit der – mittlerweile muss man das erwähnen – Besonderheit, dass diese nicht nummeriert sind!

Entgegen der gängigen Vereinfachung wird hier also nicht tütchenweise aufgebaut, sondern von Beginn an aus dem gesamten Teile-Sortiment. Aus meiner Sicht funktioniert das dennoch recht gut, schaffen es die LEGO-Tütchen-Verantwortlichen doch die Teile so aufzuteilen, dass man relativ schnell einen Überblick bekommt, was in welchem Schüsselchen (zumindest ich fülle das meiste in kleine Behältnisse um…) zu finden ist.

Abgesehen davon fühlt es sich nochmals etwas „(LEGO-)echter“ an, die Teile zu suchen und nicht serviert zu bekommen. Das gab es vor 30 Jahren schließlich auch nicht. Wobei sich wie gesagt der tatsächliche Suchaufwand aufgrund der durchdachten Aufteilung in Grenzen hält. Allerdings vermag ich hier nicht zu beurteilen, ob es auch demjenigen so leicht fällt, der noch nicht zig LEGO-Modelle in seinem Leben aufgebaut hat. Einziges Manko: Es benötigt relativ viel Platz, die Schüsselchen nebst Anleitung und Modell um sich herum zu positionieren.

Der Aufbau gestaltet sich dann wie gewohnt: Dank der detaillierten Anleitung gibt es keine Probleme. Nebenbei erwähnt: Vor 40 Jahren wäre die Anleitung wahrscheinlich mit 50 Seiten ausgekommen.

Wer bei LEGO Technic nur das fertige Modell und das Spielvergnügen vor Augen hat, wird auch hier von den vielen Zahnrädchen und Steckverbindungen genervt sein. Allen anderen steht mindestens acht Stunden faszinierender Aufbau bevor, bei dem es immer wieder begeistert, wie die vielen Einzelteile letztendlich zusammenspielen und ein vorne gedrehtes Zahnrad hinten eine Aktion bewirkt.

Wie immer gilt, insbesondere bei den großen und komplexen Modellen, beim Aufbau darauf zu achten, dass die Teile sich reibungslos bewegen lassen und beispielsweise Zahnräder nicht zu fest zusammen gesteckt bzw. eingequetscht werden.

Das fertige Modell

Mit circa 60 Zentimetern Länge, 22 Zentimetern Breite und 22 Zentimetern Höhe (ohne Kranausleger) hat das Modell eine ordentlich Größe, zu der insbesondere die riesigen Reifen ihren Teil beitragen. Sehr gut gefallen mir die kleinen optischen Extras, wie der Stoßfänger vorne mit Ketten und kleinem Bär, oder die Ketten hinten.

Bahnbrechende technische Neuerungen, wie zum Beispiel das geniale Getriebe des oben bereits erwähnten Porsche 911 GT3 – inkklusive Lenkradwippen – sucht man allerdings vergebens. Die Umsetzung der Technik ist so oder so ähnlich, das heißt leicht abgewandelt, schon mal da gewesen.

Die Grundkonstruktion ist sehr robust und sollte Einiges aushalten. Kleine Anbauten, wie beispielsweise die Spiegel oder die am Führerhaus angebrachten gelben Warnleuchten, sind etwas empfindlicher, aber man kann das Teil ruhigen Gewissens am Rahmen anpacken, hochheben und transportieren, ohne befürchten zu müssen, dass man es zerlegt.

Die Basis-Funktionen sind der Betrieb des Krans, der Stützen und natürlich der Allradantriebs inklusive Lenkung. Die Funktionsauswahl lässt sich über zwei Wahlhebel seitlich des Führerhauses treffen und dann über den RC-Controller bedienen.

Steht der linke Hebel in der unteren Position, lässt sich das Fahrzeug wie ein „normales“ ferngesteuertes Auto steuern, das heißt vor und zurück, sowie nach links und rechts. Die Lenkfunktion ist hierbei nicht mittels des ebenfalls bei Power Functions vorhandenen Servos umgesetzt, sondern über den Motor. Dieser treibt direkt die von Standard-Lenkungen bekannte Zahnstange an. Am Anschlag sorgt eine Rutschkupplung (das weiße Zahnrad mit 24 Zähnen) dafür, dass die vom Motor übertragene Kraft begrenzt wird.

Diese Realisierung bedeutet allerdings auch, dass die Räder nach Loslassen des Lenkhebels der Fernsteuerung nicht selbstständig wieder in die gerade-aus-Richtung zurückkehren, sondern dies aktiv über die Fernsteuerung erfolgen muss. Das Fahren ist daher etwas gewöhnungsbedürftig und eher ein Kompromiss im Vergleich zur bekannten Haptik eines ferngesteuerten Autos. Ich vermute allerdings, dass der Servomotor zu schwach gewesen wäre und daher die Lenkung aus Kombination Motor + Rutschkupplung umgesetzt wurde.

Fahren lässt sich ganz ordentlich, wobei man den Motor relativ schnell an seine Grenzen bringen kann. Aus meiner Sicht kein wirklich negativer Punkt, da die Funktion im Vordergrund steht und man prinzipbedingt schon keine Performance wie bei einem vergleichbaren reinen RC-Modell erwarten kann.

Die durch die Räder gegebene große Bodenfreiheit wird durch die Stützen hinter dem Führerhaus leider etwas eingeschränkt. Diese verhaken sich doch gerne mal in einem etwas höheren Hindernis, welches der Abschlepper ansonsten bewältigt hätte.

Definitiv ein Kritikpunkt ist für mich die fehlende Federung der Achsen. Die vordere Achse ist starr, die hinteren beiden sind drehbar gelagert, wie man es auch vom Mercedes Arocs 42043 kennt. Alle sind mit einem Differential ausgerüstet, aber wie gesagt ohne Federung. Hier hätte ich für ein Fahrzeug dieser Kategorie und insbesondere auch dieser Preisklasse mehr erwartet.

Stellt man den linken Power Functions Wahlhebel nach oben, können nun über den rechten Wahlhebel die weiteren Funktionen eingestellt werden. Rechter Hebel nach oben: Kranhaken auf und ab, sowie den Kran nach links oder rechts drehen. Untere Position: Kranarm hoch- und runterbewegen, beziehungsweise die Stützen (hinten und an der Seite) ein- und ausfahren.

Die Wahlhebel sind übrigens sehr dezent seitlich am Führerhaus positioniert und fallen dadurch kaum auf. Allerdings macht die Verbindung zum Getriebekasten einen etwas instabilen Eindruck, da über den kleinen Hebel und die damit verbundene Achse eine relativ hohe Kraft übertragen werden muss. Die auf den Klebern integrierten Symbole zur Beschreibung der jeweiligen Funktion in der entsprechenden Hebelposition sind optimal in die Grafik des Führerhauses integriert.

Ansonsten sind die Funktionen bewährt gut umgesetzt. Wie schon erwähnt finde ich es immer wieder faszinierend, was auf relativ kleinem Raum alles möglich ist und kann mich hierfür jedes Mal aufs Neue begeistern. Dies trifft auch auf den Allrad Abschleppwagen zu.

Woran ich mich nur schwer gewöhnen kann, ist das hässliche Klacken wenn die verwendeten Linearantriebe in ihre Begrenzung fahren. Dies hat natürlich nichts spezifisch mit diesem Modell zu tun, aber vielleicht findet sich in Billund ja eines Tages eine Lösung.

Ansonsten kommen Aufkleber-Liebhaber – wie so oft bei großen Technic Modellen – auch hier auf ihre Kosten: Auf fast Din-A4-Blatt-Größe warten 26 Sticker darauf, entsprechend angebracht zu werden.

Fazit

Funktional ist der LEGO Technic Allrad-Abschleppwagen 42070 ein interessantes Modell, im Gesamteindruck allerdings nicht herausragend. Insbesondere die fehlende Federung und der Heckbereich unter dem Kran wirken unvollendet. Hier hätte allein der Preis mehr gerechtfertigt.

Die noch aktuellen Modelle Arocs, Claas Xerion, Porsche 911 oder Schaufelradbagger bieten aus meiner Sicht mehr Wertigkeit für – in den meisten Fällen – weniger Geld.

Wem die robuste, um nicht zu sagen brachiale Optik, gefällt und wer gegebenfalls noch ein gutes Angebot im freien Handel abwarten kann, wird dennoch mit langer Aufbauzeit, reichlich Funktionalität und Spielspaß belohnt werden.